St. Barbara führt "Nikolaus Groß" beim ökumenischen Kirchentag in Berlin auf
(vom Pressereferenten der Mülheimer Stadtkirche Wojcieck Brzeska vom 30. Mai 2003)

"Wo ist denn der Bus ´B`?" "In der Mitte, vorne der Bus ´A`, hinten ´C`." "Na, fährt der Opa mit?" "Nein, der muss leider zu Hause bleiben." "Hallo, wie geht es denn?" "Ach, wohl ist mir dabei gar nicht. Mein Mann und mein Sohn alleine zu Hause, und das vier Tage ..." Donnerstag, 29. Mai, 5.45 Uhr. Geschäftiges Treiben herrscht vor der Pfarrkirche St. Barbara in Mülheim-Dümpten. Menschen werden hingebracht, Koffer verladen, Abschiedsworte hier und da. Irren würde, wer annähme, gerade fährt eine Kindergruppe der katholischen Pfarrgemeinde zu einer Freizeit in ein verlängertes Wochenende. Ein guter Beobachter merkt sofort: Außer den Kindern und Jugendlichen sind auch Erwachsene und Senioren dabei. Nein es ist keine Fahrt ins Grüne. Die 150 Reisende gehören zum Team des Nikolaus-Groß-Musicals, das sich gerade auf den Weg in die deutsche Hauptstadt macht. Hier werden Pfarrgemeindemitglieder von St. Barbara ihr Musical zu Ehren des Arbeiterführers, Journalisten, Widerstandskämpfers und Märtyrers anlässlich des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin vier Mal aufführen.

Lange ist es her, als der Vorhang für das Musical, zu dem Pfarrer Manfred von Schwartzenberg die Texte und Kirchenmusiker Burkard Maria Kölsch die Musik geschrieben haben, zum ersten Mal aufging. Seit seiner Premiere im September 1998 haben mehrere tausend Zuschauer in insgesamt 30 Aufführungen das Bühnenwerk gesehen, das in der Person des Nikolaus Groß allen Märtyrern der Nazizeit gewidmet ist. Aufführungen in Mülheim, Essen, Bochum und in der Hauptstadt. Dort hat auch Kardinal Georg Sterzinsky, der Erzbischof von Berlin, 2002 das Musical gesehen und es war ihm sofort klar: Wenn der Ökumenische Kirchentag nach Berlin kommt, muss die Mülheimer Gemeinde ihr Musical nochmals spielen. Der "harte Kern" – etwa 130 Mitwirkende – ist seit der Uraufführung immer noch dabei. Ausgeschieden sind dagegen ältere Darsteller, die aus gesundheitlichen Gründen die Strapazen der Proben und der Reisen nicht mehr auf sich nehmen konnten. Aber auch heute sind im Musical-Team alle Generationen vertreten: von den Jüngsten – Leoni Große und Alisa Kölsch, beide sechs Jahre alt, spielen die Rolle der Leni, der jüngsten Tochter von Nikolaus Groß – bis zum Ältesten, dem 78-jährigen Ernst Katzke, der einen der KAB-Männer darstellt. Und viele Mitwirkende wechseln halt im Laufe der Zeit ihre Rollen, wie zum Beispiel Nadine Vehling, die einst Leni, heute ein BDM-Mädchen spielt.

"Der Tisch und die Tischdecke, die Requisiten ... Der Tisch muss auf die andere Seite. So ist es gut, danke." Für vier Tage ist Manfred von Schwartzenberg kein Pfarrer mehr, der Mülheimer Stadtdechant führt Regie. Dank der aufwendigen Technik, die fast schon professionell anmutet, klingt seine Stimme in der Kirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Charlottenburg, wo "Nikolaus Groß" aufgeführt wird, klar und deutlich. Es ist 15.30 Uhr, inzwischen sind alle Mitwirkenden am Ort des Geschehens. Die jüngsten Darsteller proben das Lied "Sieben Kinder und ein Tisch", eine der schönsten und ergreifendsten Szenen des ganzen Musicals – vor allem, wenn man weiß, welches Ende das Naziregime dem Leben von Nikolaus Groß setzen wird. Hier, wo die ganze Familie um den gemeinsamen Tisch versammelt ist, ist die Welt noch heil. "So, sehr schön, die Besetzung I gleich noch einmal das selbe", der Regisseur von Schwartzenberg ist offensichtlich zufrieden. Kirchenmusiker Kölsch, der das 18-köpfige Orchester dirigiert, allerdings nicht ganz 100-prozentig: "Ihr könnt noch lauter singen" wirft er noch schnell ein, bevor es mit dem Proben weitergeht. SchminkenBis zur Aufführung um 20.00 Uhr hat jeder von den Mitwirkenden – ob vor, auf oder hinter der Bühne – noch jede Menge zu erledigen. Und eins steht fest: Vor Mitternacht wird keiner der Mülheimer ins Bett gehen, und auf sind die meisten seit 4.30 Uhr. Es ist insgesamt ein Marathon-Programm, das die Leute aus St. Barbara während der vier Tage in Berlin erwartet. Vier Vorstellungen, davon zwei am Freitag. Proben, an der Licht- und Ton-Technik feilen, Unvorhersehbares managen und erledigen. Von dem sonstigen Kirchentag-Programm wird das Musical-Team wenig mitbekommen, höchstens am Samstag, vor der Aufführung um 20.00 Uhr. Wenn die Kräfte noch reichen ... Wofür das ganze, wofür die Anstrengungen, wofür die finanziellen Ausgaben – alle Mitwirkenden aus St. Barbara mussten einen nicht kleinen Beitrag für die Busfahrt und das Hotel leisten ... Nicht wegen der Berühmtheit – bekannt ist das Musical von St. Barbara in der Tat über die Grenzen Mülheims hinaus –, nicht wegen der Reisen, berichten die meisten. "Das Geheimnis des Erfolges, das Geheimnis, warum so viele so lange schon mitmachen, liegt in der Wahrheit der Geschichte, die wir in unserem Musical zeigen", schildert Pfarrer von Schwartzenberg.

19.30 Uhr. Maria Regina füllt sich langsam mit Zuschauern. Da kommen 35 Firmkandidaten aus Hannoversch-Münden, ein junges Ehepaar aus München, da kommt die Schwester Bärbel aus Selbitz. Eine jungen Frau aus Ostfriesland will sich die Aufführung auch anschauen. Viele haben bereits von Nikolaus Groß gehört, dem ersten Seligen des Bistums Essen. Einigen ist auch das Musical ein Begriff. Aber es gibt auch Zuschauer – wie die zwei 14-jährigen Mädchen aus Berlin –, die mit Nikolaus Groß, seinem Leben und seinem Werk wenig anzufangen wissen.

Es ist 20.00 Uhr, die Kirche ist bis auf wenige freie Plätze voll. Die Vorstellung beginnt. Und wieder begrüßt Manfred von Schwartzenberg die rund 300 Zuschauer, führt kurz in das Musical ein. Und wieder wünscht er dem Publikum "kein Vergnügen und schon gar nicht gute Unterhaltung" – dafür ist die Thematik zu ernst und die Geschehnisse jener Zeit zu düster –, sondern eine besinnliche Teilnahme an einer "besonderen Andacht mit modernen Mitteln". Und wieder erschaudern die Zuschauer vor der Darbietung der sechs schwarz gekleideten Tänzerinnen, der 666, die das Böse mimen. Und wieder werden die Szenen "Prügellied" und "Sieben Kinder und ein Tisch" von stürmischem Applaus gekrönt. Und wieder gibt es die eine und die andere Träne in den Augen der Zuschauer und stehenden Applaus nach der Aufführung. Für die Darsteller und die Mitwirkenden. Und wohl auch für Nikolaus Groß – damit die Märtyrer unserer Zeit nicht in Vergessenheit geraten.

Wojcieck Brzeska