Musical "Nikolaus Groß" in der Marienkirche (aus der Bochum Lokalzeitung vom 18. November 2002)

Gleich mehrfach durfte am Wochenende in der stillgelegten Marienkirche die Vergangenheit auferstehen: Noch bevor die Pfarrei St. Barbara aus Mülheim das Leben des Wider- standskämpfers Nikolaus Groß in dem gleichnamigen Musical nachzeichnete, läuteten in dem verlassenen Gotteshaus die Glocken.

Mancher Anwohner traute in der Nacht zum Samstag seinen Ohren nicht: Kurz nach halb zwölf war bei den Vorbereitungen des Musical-Teams das Kirchenuhrwerk in Gang geraten, und so kam das stillgelegte Geläut unverhofft zu seinem wahrscheinlich letzten Auftritt.

Der dürfte für das Musical-Ensemble aus Mülheim noch lange nicht gekommen sein. Die visuell atemberaubende Inszenierung von Manfred von Schwartzenberg, der man den laienhaften Charakter nur bei manchen Gesangseinlagen anmerkte, zog die zahlreich erschienenen Besucher von Anfang an mit furchteinflößenden Schattenspielen in ihren Bann.

Erzählt wird die Geschichte des aus Nieder- wenigern stammenden Journalisten und Gewerk- schaftsführers Nikolaus Groß, der als Redakteur der Westdeutschen Arbeiter-Zeitung lange Zeit publizistischen Widerstand gegen Hitler leistete und am 23. Januar 1945 hingerichtet wurde.

Insbesondere die Choreographie von Claudia Schäfer und das durch aufwändige Video- projektionen unterstützte Bühnenbild machen die Grausamkeiten des Nationalsozialismus deutlich spürbar. Beispielhaft ist die Inszenierung des Schauprozesses gegen Groß unter der Leitung von Roland Freisler, der als durchgedrehter Richter den Fanatismus und die Sinnlosigkeit des Mordens kurz vor Kriegsende entlarvt.

Durch die Betonung der Inhalte und längere Sprechpassagen trägt die Aufführung zum Teil schauspielhafte Züge. Und auch das Team der Pfarrei St. Barbara betrachtet ihr Musical-Projekt eher als „Andacht mit modernen Mitteln“.

fv