Nikolaus Groß - Bericht über das Musical in Berlin

Am 26.1.2002 wurde in Maria Regina Martyrum in Berlin dieses Musical von einer Laienschauspieler-Gruppe der Pfarrgemeinde St. Barbara in Mühlheim/Ruhr zum 24. Mal aufgeführt. Was die Besucher erlebten, war traumhaft. Eine perfekte Inszenierung einer Andacht, einer Gedenkstunde.

Den Hintergrund der Aufführung bildete die riesige Altarwand, die gleichzeitig ein Altarbild ist, das mir persönlich bisher nicht viel sagte. Es wurde von Prof. Georg Meistermann gestaltet und stellt ein Thema aus der Apokalypse dar. Es wirkt chaotisch. In seiner Mitte sind das "Auge des Vaters" sowie, etwas unterhalb, das Lamm zu sehen. Letzteres ein Symbol. Im Blut des Lammes werden die Märtyrer reingewaschen. In einigem Abstand erkennt man dann noch eine braune Sichel, die am Tag der Ernte wütet.

Dieses Altarbild beherrschte das ganze Geschehen des Abends und auf es wurden jeweils Dokumentarszenen (oft Filmausschnitte) projiziert, die das Geschehen auf der Bühne bedrückend unterstrichen.

Zu Beginn des Aufführung rannte ein kleines Mädchen suchend über die Bühne und rief verzweifelt: "Vaatii, ... Vaati, ... Vaatiii, ... wohin gehst du?"

Das Publikum verharrte atemlos. Dann eröffnete eine Lesung aus dem 13. Kapitel der Geheimen Offenbarung des Johannes die Handlung. Es war die Rede von der Macht des Satans, der durch Gewaltherrschaft die Menschheit ins Blutvergießen treibt.

Man schreibt das Jahr 1914. Der Weltfriede ist gefährdet. Am 1.8.1914 ruft Kaiser Wilhelm I. vom Balkon seines Schlosses in Berlin den Ersten Weltkrieg aus. Euphorische Stimmung auf Film dokumentarisch festgehalten. "Nun danket alle Gott ..." wird gesungen. Auf der Bühne ein von Kohlestaub geschwärzter Arbeiter. Nikolaus Groß. Er war mit 16 Jahren Schlepper auf der Zeche, später Hauer. Ein längerer Dialog beschreibt seinen Werdegang. Ein Männerchor stimmt das Bergmannslied "Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt . ..." an.

9.11.1918: Der Kaiser dankt ab. Der Marxismus predigt den Klassenkampf, verbreitet den Atheismus und Materialismus und den Kampf gegen Aristokratie und Kirche. Alles wieder mit historischen Filmdokumenten unterlegt. Die "Internationale" wird gesungen und gespielt. Auf der Bühne kurze Diskussionen zwischen Nikolaus Groß und einem Kommunisten. Die weltanschaulichen Gegensätze werden kurz und prägnant sichtbar. N. Groß ist inzwischen Mitglied der Zentrumspartei und glaubt an einen Staat, in dem jeder Stand seinen Platz hat und seine Aufgabe findet und respektiert wird. Er wirkt inzwischen als Gewerkschaftsfunktionär im Ruhrgebiet. Schließlich wird er Journalist an der WAZ (Westdeutsche Arbeiterzeitung) und kämpft gegen die Arbeitslosigkeit und ungerechte Behandlung der Arbeiterschaft. Er wendet sich früh gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Schon 1932 demaskiert er Roland Freisler, der erst Kommunist und bolschewistischer Kommissar war, bevor er zum Nationalsozialismus wechselte. Groß warnt vor ihm, was dieser ihm nie vergessen hat. Die WAZ wird nach 1933 immer wieder verboten und schließlich in Ketteler Wacht umbenannt.

Der Rechtsradikalismus wird immer stärker, man sehnt sich nach dem "starken Mann". Am 30.1.1933 ist es soweit. Hitler ergreift die Macht. Schaurig erklingt zu entsprechenden Film- aufnahmen "Die Fahne hoch,..."

1934: Demonstrationen außerhalb nationalsozialistischer Kundgebungen sind verboten. Da organisiert die KAB eine riesige "Glaubensfahrt" nach Mainz zum Grab des Bischofs und Gründers der KAB, Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler. Über 100 000 Arbeiter aus dem ganzen Reichsgebiet folgen der Einladung. Aus dem Ruhrgebiet bringen die Arbeiter die "Kettelerflamme", die im Kesselhaus einer Zeche entzündet wurde und nun im Dom zu Mainz ständig leuchten soll.

Eindrucksvoll wurde diese Szene auf der Bühne dargestellt.

Das Gebet der Arbeiter am und im Mainzer Dom wird von den Nationalsozialisten unterbrochen für eine Übertragung einer Hitlerrede zur Rechtfertigung des "Röhmmordes". Doch die Gläubigen beten stattdessen den Rosenkranz, der schließlich die Hitlerrede übertönt.

1943: Im Berliner Sportpalast wird unter fanatischem Jubel der "totale Krieg" ausgerufen. Im Hause des Nikolaus Groß treffen sich Männer aus dem Widerstand, die sich Gedanken über die Zeit nach Hitler machen. Neben Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus und Otto Müller aus dem Verbandsvorstand sind es etliche andere, die sich hier treffen.

Am 20.7.1944 warnt Dr. Schulte, ein Geistlicher, Nikolaus Groß und erinnert ihn an seine Familie, für die er Verantwortung trägt. Die Antwort: "Wenn wir nicht unser Leben einsetzen, wie können wir dann vor Gott und unserem Gewissen bestehen?"

Am 12.8.1944 wird Nikolaus Groß verhaftet. Seine jüngste Tochter, noch nicht fünf Jahre alt, fragt: "Vati, wohin gehst du?" (Sie sah ihn nie wieder.)

Am 30.9.1944 wird N. Groß nach Tegel verlegt (wo ihm der Gefängnisseelsorger "illegal" des öfteren die hl. Kommunion reichen konnte).

Am 15.1.1945 wird Nikolaus Groß von Roland Freisler, dem Präsidenten des "Volksgerichtshofes", "wegen Hoch- und Landesverrats" zum Tode verurteilt. - Roland Freisler kam wenig später bei einem Bombenangriff selbst ums Leben.

Am 18.1.1945 kann Elisabeth Groß ihren Mann ein letztes Mal im Gefängnis besuchen. Hilfe- und Gnadengesuche (beim Apostolischen Nuntius wie auch beim Justizminister) bleiben erfolglos.

Am 23.1.1945 wird Nikolaus Groß in Plötzensee hingerichtet.

Dies waren die Stationen, die auf der Bühne und unter Verwendung von Original-Film- und Tondokumenten dargestellt wurden von Schauspielern, die angeblich Laien sein sollten. Es waren alle Altersgruppen dabei vertreten von Kindern bis zu Senioren. Menschen aus dem Volk. Aus dem Ruhrpott. Tänzerinnen in schwarzen Skelett-Kostümen symbolisierten unglaublich gekonnt die apokalyptische Zahl 666, indem sie todbringend die abgrundtiefe dämonische Freude an Menschenverachtung, Hass und Brutalität ausdrückten.

Die drei Stunden vergingen wie im Fluge. Die Faszination hielt alle bis zum Schluss in Bann. Viele Besucher, vor allem ältere, bekannten im Gespräch, dass sie zwischenzeitlich immer wieder zutiefst betroffen waren, sich an vergangene Erlebnisse erinnert fühlten, bis zu Tränenausbrüchen kamen. Besucher, die am Vortag schon einmal das Musical gesehen hatten, hatten sich spontan ein zweites Mal das Stück angesehen.

Zu Gast waren an diesem Abend auch unser Kardinal, Erzbischof Georg Sterzinsky, der Vertreter Bischof Luthes aus Essen, Prälat Heming, sowie Bernhard Groß, der jüngste Sohn von Nikolaus Groß. Sogar eine 50 Personen starke KAB-Gruppe aus Würzburg ist extra wegen dieses Musicals nach Berlin gekommen!

Es sollte die letzte Vorstellung der Laienspielgruppe St. Barbara sein, bevor sie sich auflösen wollte. Doch dann kam es doch wieder anders. Unser Kardinal bat die Gruppe, wegen der großen Aktualität des Themas in der jetzigen Zeit, dieses Musical noch einmal aufzuführen anlässlich des kommenden ökumenischen Kirchentages im Jahre 2003.

Am 1.12.1946 schrieb Altkanzler Heinrich Brüning: "Es ist endlich einmal Zeit, dass das deutsche Volk lernt, die Märtyrer einer guten Sache zu ehren. Wenn alle diese Männer in einem anderen Land für ein auch nur annähernd gleichwertiges Ziel gestorben wären, so würden ihnen schon Ehrendenkmäler erstellt oder vielleicht Seligsprechungsverfahren eingeleitet worden sein. Weil das deutsche Volk immer überkritisch gewesen ist, und keinen Mut hat, sich zu aufrechten Männern zu bekennen, ist es schließlich dem Mythos Hitler anheim gefallen. Völker leben nicht allein vom Brot und vom Alltag.

" Mit diesem "Musical Nikolaus Groß" wurde in der "Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933 bis 1945" diesem Vorschlag eindrucksvoll entsprochen.

Vielen Dank euch aus der Pfarrgemeinde St. Barbara, Mülheim/Ruhr K. M., Berlin